Herberge für die heimatlose Kunst Syriens - von Simone Reber, Deutschlandradio Kultur

30.04.2015 I Deutschlandradio Kultur

Von Simone Reber

Vom 1. bis zum 3. Mai 2015 findet in Berlin das 11. Gallery Weekend statt. (picture-alliance / dpa / Stephanie Pilick)

Collagen, Cartoons, Fotografien: Die heimatlose zeitgenössische Kunstszene Syriens macht vorübergehend in Berlin Station. Zum Gallery Weekend zeigt der Box.Freiraum in der Ausstellung "My Voice rings out for Syria" Werke von elf Künstlern des Landes.

Die schlanken Gestalten aus dem Gemälde "La Danse" von Henri Matisse schweben anmutig über Schutt und Trümmern von Damaskus. "Syrian Museum" nennt der Künstler Tammam Azzam bitter seine Fotocollagen, für die er Werke der Weltkunst in die Kriegsruinen seines Landes montiert. Die Sehnsucht nach Kontinuität des vielstimmigen Kulturlandes Syrien ist in der eindrucksvollen Ausstellung so stark, dass sie selbst Berliner Betrachter an der Kehle packt. Nicht Tote und Verwundete, sondern die Kraft der Zivilgesellschaft will die Kuratorin Nour Wali zeigen. Als Titel wählte sie eine Zeile aus dem Gedicht von Nazir Qubbani: "Meine Stimme erklingt diesmal aus Syrien."

"Er spricht darin von dem Geruch nach Jasmin, dem Duft von Seife, den prächtigen Häusern, ihren bezaubernden Mosaiken und Kacheln und wie die Balkone sich wie Nachbarn einander annähern. Ich stamme aus Syrien, habe aber die meiste Zeit in London gelebt. Für mich ist das das Bild von Syrien, das ich bewundere und zu dem wir alle zurück kehren wollen."

Etablierte Meister und Vetreter der jüngeren Generation

Für die Ausstellung kombiniert Nour Wali die drei etablierten Meister der syrischen Kunstszene mit Vertretern der jüngeren Generation. An einer Wand sind die Väter versammelt, alle drei leben noch in Damaskus und trotzen dem Krieg. Der Kalligraf Mouneer Al Shaarani hat in fast abstrakten Schriftzeichen die edlen Tugenden aufgeschrieben: Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit, Mut. Der Maler Youssef Abdelke lässt rote Farbe über seine dunklen Stillleben strömen. Und der 71-jährige Abdulla Murad wandert im Geist durch freie abstrakte Landschaften. Arbeiten kann er kaum noch, weil in seinem Atelier die Heizung fehlt. Für die Galeristin Rafia Koudmani wird es immer schwieriger, telefonisch Kontakt zu den Künstlern zu halten:

"Ich weiß, dass sie beobachtet werden. Als ich zum Beispiel Abdullah Murad gefragt habe, ob er an der Ausstellung teilnehmen wolle, hat er geantwortet: Du weißt, dass es nichts Politisches sein darf. Ich habe heute mit ihm telefoniert und er hat gesagt, ich vermisse Dich wirklich, ich wünschte, Du könntest kommen."

Rafia Koudmani stockt die Stimme, zurück nach Syrien kann sie nicht. Die Galeristin arbeitet von Dubai aus, die Bilder gelangen über den Libanon außer Landes. Die jüngere Generation syrischer Künstler ist bereits in alle Winde zerstreut. Viele mussten schon 2011 nach der gescheiterten Revolution fliehen, weil sie vom Assad-Regime verfolgt wurden. In seiner Porträtserie lässt der Fotograf Jaber Al Azmeh den zivilen Widerstand noch einmal aufleben. Er bittet Künstler und Intellektuelle ihre politischen Visionen über die linientreue Tageszeitung zu schreiben. Resurrection – Auferstehung heißt das Projekt optimistisch. Jaber Al Azmeh setzt es jetzt im Exil fort.

"Ich kenne nicht einen Syrer, der sein Land verlassen hat und nicht mindestens ein Jahr an Depressionen litt. Und das sind Leute, die Glück hatten, keine Flüchtlinge, Leute, die weggegangen sind und gleich einen Job gefunden haben. Mit ihrer Familie, mit ihren Kindern, aber alle gingen durch eine ernste Depression."

Bilder des alltäglichen Überlebens

Denen, die ausharren, huldigt der Bildreporter Amma Abd Rabbo, indem er die Kunst des alltäglichen Überlebens festhält. In Aleppo fotografiert er eine schmale Straße, die haushoch mit Stoffen abgehängt ist.

"Die Straße liegt im Viertel Salaheddin. Hier verläuft die Front. Und um vor den Heckenschützen sicher zu sein, haben die Bewohner sehr kreativ verschiedene Stoffe aufgehängt. Zeltplanen, Teppiche, Bettlaken. Sie haben sie zusammengenäht und auf diese Weise eine Schutzmauer zwischen den Gebäuden errichtet, die ungefähr 15 Meter hoch ist."

Hinter jedem Bild verbirgt sich eine bedrückende Geschichte. In Cartoons zeichnet Hamid Sulaiman die Kriegserinnerungen seiner Landsleute auf.

"Jeder, der den Krieg überlebt, hat diese riesige Geschichte zu erzählen. Wie er geflohen ist, seine Heimat verlassen hat. Warum er im Gefängnis war. Vielleicht gab es Einschläge in der Nähe seines Hauses. Jeder hat eine Geschichte."

Hamid Sulaiman gelangte über Jordanien, Ägypten, Deutschland nach Paris. So verweben sich die Erzählungen der Bilder und die Irrfahrten der Künstler zu einer modernen Odyssee. Doch auch wenn die Arbeiten von Schmerz, Verlust und Trennung sprechen. In der eindrucksvollen Ausstellung gibt die Vielfalt der Stimmen eine Ahnung vom freien Geist einer Bürgergesellschaft.

"My voice rings out for Syria" – die Ausstellung mit Künstlern aus Syrien ist bis zum 17. Juni im Box.Freiraum zu sehen, der sich in der Boxhagener Straße 96 in Berlin Friedrichshain befindet.