Die europäische Wanderausstellung “Lessons from 1991” wirft einen Blick auf das Jahr 1991 und die damit beginnenden kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien - durch die Augen und Linsen von Fotograf*innen, die die Kriege im ehemaligen Vielvölkerstaat über Jahre dokumentierten und unterschiedliche Sichtweisen auf die Ereignisse eröffnen. Vom 04.04.2017 – 22.04.2017 präsentiert Kubipro im BOX Freiraum diese seltene Retrospektive als letzte Station nach Ausstellungen in Kroatien, Slowenien und Serbien, und lädt das Berliner Publikum dazu ein, sich auf einmalige Weise mit einem Stück (schmerzhafter) europäischer Zeitgeschichte auseinanderzusetzen.

Im Rahmen der Ausstellung werden über 180 Arbeiten von Fotograf*innen aus verschiedenen Balkanländern zu sehen sein, die einen authentischen und in diesem Umfang noch nicht dagewesenen Blick auf die Kriege der 1990er Jahre werfen, den Alltag in den Konfliktgebieten und die Instrumentalisierung der Medien im Zuge der Nationalisierung und rechtspopulistischen Zersplitterung des Vielvölkerstaates abbilden. Über ein ganzes Jahrzehnt lang zogen die Kriege in Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina und Kosovo die europäische und internationale Aufmerksamkeit auf sich und stellten stets auch die Frage nach Opfern und Tätern sowie danach, wie objektiv Informationen und mediale Berichterstattung in diesem Konflikt waren und bis heute sind. Der Euphemismus “ethnische Säuberung” wurde in diesem Zusammenhang nicht umsonst zum deutschen Unwort des Jahres 1992 ernannt und kritisierte die undifferenzierte Übernahme des einstigen Propagandabegriffes für grausamste Menschenrechtsverletzungen. Es waren Kriege, die auch in Deutschland und Europa Fronten schufen, zutiefst erschütterten und zu Grundsatzdiskussionen führten. Kürzlich titelte die FAZ noch passend “Was der Nahe Osten heute ist, war der Balkan gestern”1 und bringt die einstige Intensität der medialen Auseinandersetzung mit dem Krisenherd auf den Punkt.

Gleichzeitig bedeutet Nachkriegszeit immer auch Aufarbeitung, Vergangenheitsbewältigung und Auseinandersetzung mit der Geschichte aus neuen Blickwinkeln. Dies ist auch das Sujet der Ausstellung, die verschiedene Betrachtungsweisen dieses letzten blutigen Krieges Europas zu vereinen versucht: angefangen bei Aufnahmen von Aufmärschen und gehissten Nationalflaggen über Kampfszenen und Menschen auf der Flucht, erwarten das Publikum auch intime Momente und teils fast absurde Blickwinkel auf Alltagssituationen im Krieg.

(C) IMRE SZABÓ

(C) IMRE SZABÓ

1 Michael Martens “Was der Nahe Osten heute ist, war der Balkan gestern.”, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.2.2017

Die Retrospektive soll einen Brückenschlag in die Gegenwart wagen und einerseits die Frage aufwerfen, wie sich die Gewaltspirale einstiger Nachbarn erklärt und wohin Nationalismen, Abschottung und die zunehmende Abgrenzung zu einem vermeintlich “Anderen” führen können. Andererseits bietet sie Raum für Rückschlüsse und Denkansätze, die Vergangenheit und Gegenwart verbinden und die universelle Seite jedes Krieges betonen, die immer blutig, voller Gewalt und Menschrechtsverbrechen ist und Generationen für Jahrzehnte prägt.

Begleitend zur Ausstellung wird es am 06.04.2017 um 19 Uhr eine Diskussionsveranstaltung zum Thema „Aufstieg des Nationalismus in Jugoslawien - seine Folgen und was wir heute daraus lernen können“ geben. Beteiligte Fotografen, wie Imre Szabó sowie Zeitzeug*innen und Expert*innen erörtern das Spannungsfeld und versuchen eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen.

Kooperationspartner / Veranstalter: Kubipro e.V.

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Ausstellungszeitraum & Öffnungszeiten

05.04.2017 – 22.04.2017 Mi – Sa, 14 – 18 Uhr