Wohnungsfrage und Freiraum

Bauhaus und die Moderne in berlin und Tel Aviv

MIT FOTOGRAFIEN VON JEAN MOLITOR
KURATIERT VON CAROLINA MOJTO, JAN MARUHN UND PHILIPP STIEBLER

ERöffnung 15. Mai 2019, 19 Uhr
AUSSTELLUNG: 16. Mai - 26. Oktober 2019

jean molitor | Links: Weisse Stadt Reinickendorf, Berlin | Rechts: Dizengoff Platz, Tel Aviv

jean molitor | Links: Weisse Stadt Reinickendorf, Berlin | Rechts: Dizengoff Platz, Tel Aviv

Wie wollen wir wohnen? Wie können Freiräume aussehen? Beide Fragen sind damals wie heute drängend. Auch wenn Jean Molitor die Schönheit klassisch-moderner Architektur in Berlin und Tel Aviv in seinen Fotografien feiert, schwingen beide Fragen immer mit. Freiräume schaffen für eine offene und soziale Gesellschaft war eines der Ziele der Moderne. In Berlin wie in Tel Aviv schufen die Modernisten zwischen ihren kubisch-klaren Formen Freiräume, wie Plätze und gemeinschaftliche Höfe und Dachterrassen, die von allen Bewohnern, von Vorbeikommenden und Gästen erobert werden sollten.  In beiden Städten stand die Frage im Mittelpunkt wie denn die Bürger einer neuen, demokratischen Gesellschaft überhaupt wohnen sollten. In den Zwanziger und Dreißiger Jahren lautete die Antwort der Bauhäusler und Modernisten: in einer fortschrittlich-modernen Ästhetik, aber meist in einer klassischen Familie mit traditioneller Rollenverteilung und heute? Welche freien Räume brauchen wir, welche Architektur kann unsere sein? Wie modern sind wir heute? Jean Molitors Fotos zeigen unsere Geschichte und ein ungebrochenes Verlangen nach Modernität.

In Berlin entstehen großartige Siedlungen von hohem architektonischem Niveau und doch scheitert das Experiment „Moderne“, denn außer wenigen fortschrittlichen Bauherrn verweigert sich die Gesellschaft eine Moderne, die eine neue Schönheit propagiert. Was in Deutschland nicht funktioniert, wird in Tel Aviv eine Erfolgsgeschichte: Eine architektonische Überzeugung wird konstitutiv für die ästhetische Haltung einer Gesellschaft. 10 Jahre nach den radikalen Experimenten in Deutschland entstehen 4000 explizit moderne Häuser in Tel Aviv. Sie stehen für den Aufbruch in eine neue Gesellschaft und den kollektiven Wunsch, dem Aufbruch eine architektonische Form zu geben. Sie wählten die architektonischen Formen der europäischen Moderne und schafften so eine Traditionslinie, der sie sich verpflichtet fühlten: Altes und Neues verband sich miteinander. Der kollektive Wunsch nach Erneuerung und gleichzeitiger Rückbesinnung ist auch historisch zu verstehen und doch der Schlüssel zur Eroberung einer verheißenden Zukunft:
Schon der Name Tel Aviv, Frühlingshügel, ist die poetische Übersetzung von Herzls Buch „Altneuland“  von 1902. Die Sehnsucht nach Vergangenem wurde nie wieder so modern interpretiert.

All diese Themen werden uns auch in unserem Rahmenprogramm begleiten.
Seit 2016 organisieren wir StadtGespräche und Workshops mit vielfältigen Kooperationspartnern zu den Fragen: Wie können wir gemeinsam lebendige Stadtquartiere gestalten? Wie können wir Freiraum und Begegnung schaffen und damit Abgrenzung und Polarisierung entgegenwirken? Wir wollen Antworten finden im Austausch mit Planern, Politikern, Professoren, Studenten und der Zivilgesellschaft.